Der Schizophrän

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Der Schizophrän: Wie der Mensch sich selbst und andere belügt

Dennoch ist er unbeirrt der Meinung, das Richtige zu tun.

Von Christian Jakob

Seit dem Jahr 2000 wird unter Geologen vermehrt der Begriff Anthropozän diskutiert. Der niederländische Chemiker, Atmosphärenforscher und Nobelpreisträger Paul Josef Crutzen untersuchte zusammen mit seinem Kollegen, dem US-amerikanischen Biologen Eugene F. Stoermer, die geologischen, biologischen und atmosphärischen Auswirkungen auf dem Planeten Erde durch den Menschen. Beide kamen damals zu der Erkenntnis, das die Veränderungen und Eingriffe, sowie Verschmutzungen und Zerstörungen durch den Menschen in eine geochronologische Epoche gefasst werden sollten – dem Anthropozän.

Im Jahr 2016 verständigte sich die Internationale Kommission für Stratigraphie (International Commission on Stratigraphy / ICS) auf einen zeitlichen Beginn dieser Epoche, und legte das Jahr 1950 zugrunde. Von diesem Zeitpunkt an sind in verschiedensten Richtungen Auswirkungen durch den Menschen als relevant erkannt worden.

  • exponentielles Wachstum der Erdbevölkerung
  • oberirdische Atombombentests
  • explosionsartige Energiegewinnung durch Kohle und Erdöl
  • Entwicklung der Erosionsraten sowie Kunstdüngereinsatz in der Landwirtschaft
  • Flugasche und Abgase
  • Enormer Anstieg der Produktion und Weiterverarbeitung von Plastikpartikeln
  • Produktion von Aluminium und Beton
  • Globaler Transport von Tieren und Pflanzen

Kurz gesagt: das wirtschaftliche Wachstum in den Industrieländern, welches immer mehr Ressourcen, Energie und Arbeitskraft verlangte, trug nicht nur zum Wohlstand der Gesellschaften bei, sondern hinterließ seitdem auch markante Spuren in der geochronologischen Epoche.

► Zu Risiken und Nebenwirkungen lesen sie bitte …

Dieser ganze Wachstumswahn bringt dem aufmerksamen Kritiker längst keine neuen Erkenntnisse mehr. Was die wirtschaftlichen Auswirkungen und die damit verbundenen Umwelteinflüsse angeht inkl. einiger zielführender Gegenmaßnahmen, sei an dieser Stelle der wichtige Artikel Postwachstumsökonomie (Degrowth): Wie eigentliche Probleme ausgeblendet werden. empfohlen.

Diese bittere Pille haben neben der Mutter Erde auch die Menschen zu schlucken, denn der wirtschaftliche Wachstum basiert auf der ökonomischen Theorie des Neoliberalismus. Dieser kann nur existieren, wenn es stetig mehr Verlierer als Gewinner gibt. Die Schere zwischen Arm und Reich driftet kontinuierlich weiter auseinander. Während sich die wenigen Nutznießer dieses Systems an ihren Gewinnen und Reichtümern laben, braucht es immer mehr Verlierer deren Nutzen darin besteht, ausgenutzt zu werden und den Reichtum der Anderen zu mehren.

Kein Wunder also, das eben diese Profiteure des Systems mit Unterstützung ergebener, systemkonformer Gesinnungsjournalisten stets erwähnen, Wachstum bedeute Wohlstand – schließlich sei dieser ja für alle gut. Willkommen im Paralleluniversum des Trickle-down-Effektes. Salopp betrachtet könnte man bei dem Begriff „Wachstum“ eigentlich auch von „Verbrauch“ sprechen. Wie offenkundiger wäre dann die Aussagekraft solcher Sätze wie: „Wir konnten dieses Jahr den Wirtschaftsverbrauch um 2% steigern“.

Es gibt also offensichtliche Nebenwirkungen im ökonomischen und ökologischen Bereich. Doch kaum Jemand spricht von den Nebenwirkungen, die ein solches System auf das Gesellschaftsgefüge mit sich bringt. Moralischer Verfall, geistiger Zerfall. Das Hamsterrad, in das heutige Generationen hinein geboren werden, sollte immer schön kuschelig ausgeschmückt sein, damit nichts kritisch hinterfragt wird. Und erst recht darf in jeglicher Hinsicht nur noch Einheitsbrei zum schnelleren Konsum und leichterer Verdauung serviert werden, um von essentiell wichtigen Themen abzulenken.

Gerade so viel Erkenntnis darf verteilt werden, dass genügend Zerwürfnisse im Rückenmark ankommen und der Ausländer für alles her halten darf. Wenn selbst der Hartzer und Obdachlose auf den Asylanten zeigt und solche subtilen Gedanken als salonfähig gelten. „Man wird ja wohl noch sagen dürfen…“. Es wird sichergestellt, dass ein berieselnder Schirm über den Großteil der Gesellschaft aufgespannt wird, damit die Eliten und Hyperreichen nicht als Feindbild zu erkennen sind. Lieber nach links und rechts treten, sehr gerne auch nach unten. Für die Wissenschaft gibt es Das Anthropozän um eine Epoche erkennbar zu machen. Ich für meinen Teil habe eine aktuellere Bezeichnung gefunden, die im Jahr 2000 begonnen hat: Der Schizophrän.

► Der ganz heiße Schiz

Vor 120 Jahren brauchte man für 50 km einen ganzen Tag. Dann erfand der Mensch das Auto und man benötigte für die Strecke nur noch eine halbe Stunde. Und was macht der Mensch aus diesem Fortschritt? Baut so viele Autos, das er für 50 km wieder einen ganzen Tag braucht.Dieter Nuhr

Zugegeben, Nuhr zitiere ich nur ungern, da er sich in die Riege der vielen Blödelbarden einreiht und von Polemik nur so strotzt. Aber in diesem Zitat steckt so viel Wahrheit drin, daß ich nicht um diese Aussage herumkomme. Genau so funktioniert der heutige, in der Moderne angekommene Mensch. Da wird was wirklich Praktisches erfunden mit dem Resultat, dass es dem Mensch früher oder später wieder auf die Füße fällt. Zu kurz gedacht eben. Jeder Anthropologe weiß, wie der Homo Economicus gestrickt ist. Was ein anderer hat, will er auch haben.

Jetzt ist aber nicht jeder Autobauer ein Anthropologe, sondern Kapitalist und Geschäftsmann. Er macht sich quasi diesen Urtrieb des Menschen zunutze und versucht so viele fahrbare Untersätze wie möglich an den Verbraucher zu verhökern. Aber nicht nur das – er trichtert ihm anhand von Werbung und Angeboten regelrecht ein, daß der Mensch sein Produkt dringend braucht. So funktioniert es halt, das System.

Und damit nicht nur genügend Absatzmärkte vorhanden sind, muss sich auch um die Gesellschaft gekümmert werden, die den ganzen Scheiß nicht nur mitmacht und kauft, sondern sich „freiwillig“ dazu berufen fühlt, für die Möglichkeit des Kaufens auch noch da zu arbeiten, wo die scheinbar überlebenswichtigen Produkte hergestellt werden. Ein gegenseitiger Austausch, der selbstverständlicher nicht sein könnte.

Das fängt in der Vorschule schon an. Seit dem Jahr 2000 wird nicht nur Englisch als Fremdsprache ab der zweiten Grundschulklasse erteilt, selbst Kindertagesstätten bieten im Vorschulalter schon rudimentäre Sprach- und Vokabelkurse in Englisch an. Der Mensch von Welt soll sich schließlich global verständigen können. Man könnte auch sagen, er soll in Brasilien verstehen können, was ein Chinese für ihn zusammenbaut, damit er es kaufen kann. Vom Bildungssystem G10 runter über G9 bis hin zum G8-Abitur. Immer rasanter wird Schülern in immer länger werdenden Schultagen das Gesamtkonzept des freien Marktes ins Hirn gebrannt. „Fordern und Fördern“ nennt der Berufspolitiker dieses Konzept. Für die Jugend geht`s üblicherweise um 8 Uhr morgens in die Schule, um 17 Uhr abends ist der lange Schultag dann endlich für viele erst zu Ende. Psychischer Druck ohne Ende – Kindheit und Jugend bleiben dabei oft auf der Strecke.

Wie fahrlässig und absolut unlogisch ein solches Schulsystem ist, zeigen die einfachsten Beispiele auf. Bis in die 1980er und 1990er Jahre war die Schule in der Regel spätestens um 14 Uhr zu Ende. Nach den Hausaufgaben ging der Jugendliche zum Sportverein, in den Tanzkurs, zum Reiten, spielte in einer Band oder ging zur freiwilligen Feuerwehr im Ort. Es fand ein seelischer und körperlicher Ausgleich statt. Heute brechen solchen Vereinigungen der komplette Nachwuchs weg, weil nach der Schule kaum mehr Zeit ist. Von Lust ganz zu schweigen. Das heißt, auf der einen Seite wird gejammert, dass der Nachwuchs ausbleibt und Vereinigungen sterben, auf der anderen Seite soll gefälligst ein guter Schulabschluss her. Die Bandbreite an Themen, die in den Schulen vermittelt werden, dienen noch vorrangig einem Zweck – industriedienlich verwertbar zu sein, zu denken und zu handeln. Fast jeder mittelmäßig begabte Gymnasiast kann eine Parabel berechnen. Wie ein einfacher Mietvertrag aussieht, sind für ihn böhmische Dörfer. Andere Schulabsolventen können mehrere Sprachen lesen, schreiben und sprechen. Wie man ein Bankkonto eröffnet und wozu dies überhaupt nützlich ist, sind ein Buch mit sieben Siegeln.

Bleiben wir am Beispiel dieses Schulsystems. 30 Kinder oder Jugendliche sitzen eingereiht in einem Klassenraum, blicken nach vorne zu einer Tafel, hören dem Lehrkörper zu und müssen sich erst melden, bevor sie etwas fragen/sagen dürfen. Dieses antiquierte Verhalten stammt aus dem 19. Jahrhundert und wurde bis heute nicht verändert, geschweige denn einmal angemerkt, darüber zu diskutieren, ob es nicht andere, bessere und effektivere Lernmethoden gibt. Verglichen mit der fortschrittlichen Weiterentwicklung von Telefonen oder Autos steckt die Lernmethodik allgemeiner Schulen noch in den Zeiten von Otto von Bismarck. Es wird permanent von technischem Fortschritt und Digitalisierung gesprochen. Dass dieser Fortschritt ausgerechnet vor dem Klassenzimmer Halt macht, da wo eigentlich auf genau diesen Fortschritt hingearbeitet und ausgebildet werden soll(te), hinterfragt hier kaum Jemand.

Stellen wir uns einen Fisch vor. Er kann nicht viel, aber was er richtig gut kann, ist schwimmen. Unser Schulsystem ist so aufgebaut, dass ein Fisch lernen muss, auf einen Baum klettern zu können, was er definitiv niemals schaffen wird. Genauso verhält es sich mit unseren Kindern und Jugendlichen in den Schulen. Es wird nicht auf individuelle Begabungen, Stärken und Schwächen eingegangen. Jeder hat als Fisch gefälligst auf einen Baum klettern zu können, wer es nicht schafft, fällt durch`s Raster. Biografie ade.

Die Schule der Tiere

Es gibt ausreichende Studien darüber, wie das Lernverhalten von Schülern ist. Nach der vierten Schulstunde nimmt die Aufnahme von Sachthemen rapide ab. Ab der sechsten Schulstunde tendiert die Aufnahmefähigkeit sogar gen Null. Ein solches Verhalten kennen vermutl. die meisten Menschen aus eigenem Berufsleben. Egal ob bei körperlicher oder geistiger Arbeit, nach einem Achtstundentag ist der Körper psychisch oder auch physisch ausgelaugt. Je nach Art und Umfang der beruflichen Tätigkeit tritt dieser Umstand schon nach 5-6 Stunden auf. Das bedeutet, ein System, was von Erwachsenen mal durchdacht, aufgestellt und manifestiert wurde, findet Anwendung bei Kindern und Jugendlichen, obwohl man eigentlich weiß, dass es nicht förderlich ist. Völlig gaga.

Mehr noch, es wird sondiert bis sich die Balken biegen. In Anlehnung an die indische Kastengesellschaft wird hier im frühkindlichen Alter schon der Weg aufgezeigt, den der junge Mensch einmal zu gehen hat. Sobald es auf die weiterführenden Schulen geht, beginnt der Kampf um die Klasse. Hauptschüler, die früher in den 1980er und 1990er Jahren noch angesehene gute handwerkliche Arbeiter waren, verlieren jetzt schon den Anschluss in unserer beruflichen Klassengesellschaft. Hauptschüler gehen in der Regel nur zwei Wege. Entweder den des prekär-beschäftigten Mindestlöhners, oder direkt den Weg zum Amt. Die mittlere Reife reicht heutzutage zu einem handwerklichen Beruf, während man früher getrost und sicher als Bank- oder Versicherungskaufmann/frau seinen Lebensunterhalt bestreiten konnte. Und alles andere, was vom Gymnasium kommt, muss mindestens ein Abitur mit der Durchschnittsnote 1,3 vorweisen können, um eine Laufbahn als Ingenieur oder leitender Angestellter einzuschlagen. Ach ja, für einen Studienplatz in der Medizin reicht kaum noch ein 1,3er Durchschnitt aus. Da wird schon 1,1 verlangt, nicht erwartet, sondern verlangt.

Jetzt könnte man der Meinung sein, das sich das Schulsystem so dermaßen verschlechtert hat, dass eben nur die Besten ins Töpfchen gelangen und der Rest ins Kröpfchen. Es gibt auch Meinungen, die behaupten, dass die eigentliche Qualität der Schüler stark abgenommen habe und die Jugend verblödet. Fakt ist aber, die Ansprüche, die in den Schulen mittlerweile erhoben werden, entstammen in weiten Teilen durch Vorgaben aus der Industrie. Immer wieder wird wie ein Mantra herunter gebetet, dass es Fachkräftemangel gäbe. Nehmen wir als Beispiel den Verein Deutscher Ingenieure (VDI). Der beklagt seit Jahren fehlenden Nachwuchs und lamentiert ständig vom „Fachkräftemangel“. Was der VDI allerdings auch gerne dabei verschweigt, ist die Tatsache, das früher 20 Bewerber auf eine freie Stelle kamen, heute sind es nur noch Sieben. Mal rein praktisch betrachtet – ein Mangel herrscht erst dann vor, wenn ich nicht das habe, was ich brauche. Wenn also sieben Bewerber auf eine freie Stelle kommen, dann ist das also kein Mangel, sondern weniger Konkurrenz unter den Bewerbern als die der vorherigen 20 Bewerber. Ein Mangel wäre es, wenn 0,5 Bewerber auf eine freie Stelle kämen. Das stellt die Absichten des VDI in ein komplett anderes Licht. Da der Konkurrenzdruck der Bewerber geringer ist, sind Anbieter gezwungen, mehr Annehmlichkeiten anzubieten. Firmenwagen, besseres Gehalt, eigenes Büro, etc. Das kostet Geld und schmälert den Gewinn. So herum wird ein Schuh daraus. Aber genau diese Blödheit, aus Mangel an eigenem Denken, was einem im heutigen Schulsystem zwangsläufig genommen wird, macht sich die Industrie zunutze.

Damit aber noch nicht zu Ende gedacht. Was bleibt denn bei einem solchen Schulsystem ebenfalls auf der Strecke? Das soziale Gefüge, das Miteinander, die Empathie, der Zusammenschluss. Nicht umsonst wird metaphorisch von einer Ellenbogengesellschaft gesprochen. Und in der Tat leben wir aktuell in einer solchen. Wenn man, wie oben beschrieben, sich behaupten will, muss man sprichwörtlich über Leichen gehen. Dann wird gerangelt, geschubst, gebissen und getreten. Hauptsache, man ist vorne und lässt die Konkurrenz hinter sich. Und dieses Verhalten wird durch das Gefüge der Benotung noch umso mehr befeuert. Nur eine 4 in Mathematik, dann kann der Schüler halt nicht rechnen und gilt als dumm. Dass die Schulnote 4 aber „ausreichend“ bedeutet, fällt dabei komplett hinten runter. Ausreichend Wasser zu haben, bedeutet, nicht zu verdursten. Ausreichend zu essen bedeutet, nicht zu verhungern. Ausreichend in Mathe, du bist doof. Die Gesellschaft ist einer solchen Verblödung ausgesetzt, die schon Schmerzen verursacht. Und dass dieses System sich auch noch anmaßt zu beurteilen, welche Noten es vergibt. Noten sind Vorgaben nach einem festen Muster. Passt das dort nicht hinein, ist es falsch und gibt Punktabzug. Ob ich über Dortmund nach Rom komme oder über Braunschweig, spielt doch für das eigentliche Ziel keine Rolle. Für das Schulsystem schon, da darf man halt nur über Dortmund fahren.

Und wofür das ganze? Damit junge Menschen mit 18 oder 19 Jahren total und ausschließlich Systemkonform dem Arbeitsmarkt zur Verfügung stehen. Und damit auch keinerlei Missverständnisse aufkommen – Die Auswahl obliegt beim Arbeitgeber und nicht beim Schüler bzw. dem Bewerber. Ein Konzern will die Vorgaben aufstellen, welche Lemminge in seinem Hamsterrad strampeln dürfen. Und gleichzeitig soll das Rentenalter auf 70 Jahre angehoben werden. Wenn das mal nicht schizophren ist.

► Die mentale Verkümmerung

Wie wir schon anhand des Themas Schulsystem erkennen konnten, ist der Zerfall der Gesellschaft vorprogrammiert und hausgemacht. Und nicht nur das Schulsystem an sich spielt dabei eine Rolle. Hinzu kommt unter anderem das Überangebot und das Übermaß an Konsumgütern … Gütern, die in den meisten Fällen nicht lebensnotwendig sind und eigentlich in die Kategorie Luxusartikel eingruppiert werden könnten. Hat man sich früher noch mit seinen Schulkameraden auf dem Pausenhof oder nach der Schule verabredet, mit ihnen persönlich gesprochen, so findet dieser soziale Kontakt fast ausschließlich in den asozialen Medien statt. Bei den heutigen Teens und Twens ist Facebook mittlerweile veraltet: wer was zu sagen hat, der postet auf Instagram, wer diskutieren will schreibt einen Zweizeiler bei Twitter. Und dabei ist es vollkommen egal, ob der eigentliche Adressat einer Nachricht direkt unmittelbar und leibhaftig neben einem steht oder nicht. Man ist nur drin, wenn man in ist, und wer was auf sich hält und dazu gehören will, der schreibt via Smartphone.

Man stelle sich mal eine solche Situation in den 1980er oder 1990er Jahren vor. Als Äquivalent müsste man gleichzeitig mit 20 Leuten auf einmal reden, gleichzeitig zuhören und darauf parallel antworten. Das hat damals nie funktioniert, wie auch. So funktionieren aber die heutigen Medien. Völlige Datenüberflutung, Informationshäppchen in Dauerberieselung. Was davon übrig bleibt, wird dann in ganze Haltungen und Meinung zusammengepresst und fertig. Dass bei einem solchen Verhalten besonders das soziale Gefüge arg ins Schwanken gerät, leuchtet jedem nüchternen Betrachter eigentlich auf Anhieb ein. Oder kann sich irgend Jemand daran erinnern, früher Fotos von seinem Mittagessen fotografiert zu haben? Und weil eben die Datenflut so enorm groß ist, sticht nur das Abstrakte, das Abnormale, das Coole dabei heraus. Was zwangsläufig dazu führt, dass Hemmschwellen, die früher als absolut unumstößlich galten, fast schon täglich eingerissen und neu ausgelotet werden.

Ein aktuelles Foto von einem schweren Autounfall? Ach komm, das kann ich besser. Hier ein Video von einer 13-jährigen die sich vor laufender Kamera via Switch erhängt hat. Ach Mist, schon veraltet. Gerade hat jemand ein Video gepostet, wo er einen Fremden vor eine U-Bahn schubst. Voll der Splatter, Alter.“

Nicht nur die Hemmschwellen schwinden, auch der Anstand. Was früher am Stammtisch kolportiert wurde, wird heute in den asozialen Medien breit getreten. Griff man früher noch mahnend in die Runde am Tisch ein, und sorgte mit der Offenbarung der Dummheit Einzelner für einigermaßen Haltung, so bekommt man bei gleichem Verhalten in den Medien einen Shitstorm ab, der überhaupt keine Grenzen mehr kennt. Ob da Jemandem gleich der Tod gewünscht wird, oder direkte Vergleiche zum Dritten Reich gezogen werden. Erlaubt ist, was laut ist. Scham ist ein Fremdwort in den heutigen Versammlungsportalen. Und dass diese Grenzen auch immer häufiger im realen Leben überschritten werden, zeigen jüngst die Vorfälle in Augsburg (Anmerkung: In Augsburg wurde ein 49-jähriger Mann auf offener Straße mit einem einzigen Faustschlag an die Schläfe durch einen 17-jährigen so schwer verletzt, das dieser noch vor Ort verstarb). Mittlerweile fühlt man sich im Mittelalter wieder, wo die Einwohner die sprichwörtliche Sau durchs Dorf gejagt und am Ende aufgeknüpft haben.

Die Gefühlskälte macht sich ebenso die Industrie zunutze. Wer verroht wird, wer nicht teilnimmt und wer spaltet, der wird sich auch nie zusammen finden, um gegen gewisse Ungerechtigkeiten am Arbeitsmarkt oder in der Politik zu kämpfen. Ganz besonders perfide ist dabei das Vorgehen der Software- und Spieleindustrie. Nein, ich möchte mich nicht an dieser unsäglich dummen Debatte beteiligen, die ein Seehofer oder ein Söder vom Zaun brechen, und sich ein Alibi suchen, um Deutschland immer mehr in einen Überwachungsstaat zu verwandeln. Die Behauptung, sogenannte Ballerspiele wirken gefährdend auf Jugendliche, ist ebenso haltlos wie nicht nachweisbar. Auch ohne solche Spiele hat es einen Haarmann-Mörder (1925), einen Ted Bundy (1978) oder einen John Wayne Gacy (1978) gegeben.

Was allerdings stimmt, ist die Tatsache, dass sich immer mehr Militärs dieser Spielergemeinde widmen und teilweise auch bedienen. Bestes Beispiel ist hier die US-Armee. Wer schon einmal von Counterstrike oder Call of Duty gehört hat, der weiß, um welche Spiele es sich hierbei handelt. Es sind Taktik oder Ego-Shooter, die online gespielt werden können. Die Spielwelt bedient sich dabei in den meisten Fällen Szenerien aus dem ersten oder zweiten Weltkrieg. Die einen sprechen von Gewalt-verherrlichenden Spielen, die anderen von detailgetreuen Nachbildungen früherer Kriegsschauplätze. Der entscheidende Punkt allerdings ist, dass die US-Armee für sich erkannt hat, wer zukünftig eine Zielgruppe zum Steuern von bewaffneten Drohnen darstellt – eben diese Konsumenten solcher Spiele. Nicht weil angeblich die Hemmschwelle solcher Spieler niedriger sein könnte als bei Spielern anderer Genres. Das technische und bildhafte Verständnis zwischen Ego-Shooter und Kampfdrohne ist nahezu identisch. Das Ziel einer unbemannten Drohne ist genauso unnahbar und physisch nicht vorhanden wie ein Non-Player-Character (NPC), sprich ein virtueller Gegner in einem solchen Spiel.

Ein weiterer Grund dieser geistigen und gesellschaftlichen Verkümmerung ist das familiäre Umfeld. Gab es früher Arbeitsplätze, die genügend Einkommen einbrachten, um als Alleinverdiener eine Familie ernähren zu können, so sind heute beide Elternteile zwangsläufig berufstätig. Ebenso das Generationenverständnis zu früher hat sich quasi komplett aufgelöst. Wohnte man früher noch mit 3 oder gar 4 Generationen unter einem Dach, so teilen sich, bis auf die Kinder, jede Generation in ihre eigenen Wohnungen oder Häuser auf. Das mag der Eine oder Andere jetzt für rückständig oder althergebracht halten. Zurecht, aber das ist nicht der ausschlaggebende Punkt.

Einmal liegt das Argument beim ausreichenden Einkommen, zum anderen liegt es an der Erziehung innerhalb der Familie. Heute müssen beide Elternteile aufgrund ihrer Tätigkeiten mehr Zeit und Wegstrecke in ihren Arbeitsplatz investieren. Was zur Folge hat, dass die familiäre Erziehung und Aufsicht der Kinder an gesellschaftliche Einrichtungen wie Ganztagsschulen oder Kindertagesstätten abgetreten werden müssen. Eine familiäre Bindung, ein vermitteln des Leitbilds oder ein Heranführen an eine Gesellschaft ist somit fast ausgeschlossen. Dieser Umstand liegt allerdings auch nicht bei den Schulen oder Krippen, denn diese können eine solche Leistung überhaupt nicht erbringen. Also führt eine solche Veränderung auch wieder nur zu einem Ziel – Das Eckige muss durchs runde passen. Dabei spielt es keine Rolle, ob Dreieck, Viereck oder Sechseck, Hauptsache zum Schulbeginn sind die Kanten abgeschliffen. Der Feinschliff erfolgt dann in der Grundschule. Wie war das noch mal mit dem Fisch?

► Der Schizophrän ist schizophren

Wenn es nicht so traurig wäre, müsste man eigentlich den ganzen Tag lang über die Menschen in unserer heutigen Gesellschaft lachen. Nach meinem Verständnis, und ich hatte ja den Beginn dieser Epoche mit dem Jahr 2000 angegeben, sind dies nun die Früchte der damaligen Agenda 2010, die unter Rot-Grün eingeführt und umgesetzt wurden. Die Jugend wurde unseren Kindern geraubt, indem man sie fast schon wie in einem Vollzeitjob zur Schule gehen lässt. Dort bringt man ihnen größtenteils nur Dinge bei, die für das spätere Privatleben eigentlich fast keinerlei Bedeutung haben. Eine gesunde und fundierte Vorbildung auf das spätere Leben innerhalb einer Gesellschaft findet quasi überhaupt nicht mehr statt. Stattdessen wird das Individuum als Massenware ausgebildet, und durch immer gravierendere Unterschiede in Form von gesellschaftlichen Klassen (Kasten) sortiert und abgestempelt. Kein „Wir“ mehr sondern nur noch lauter „Ichs“ züchten wir uns heran. Da kann man erst mal sehen, wie verrückt dieses ganze Verhalten ist. Man zerstört ein „Wir“ um hinterher sich darüber zu beschweren, dass Jeder nur noch ein „Ich“ ist. Ist denn nicht jeder Mensch individuell verschieden, um ein ergänzender Teil einer Gesellschaft zu sein? Machen Unterschiede und Verschiedenheit nicht gerade eine funktionierende Gesellschaft aus? 

Und hinterher stellt man sich dann ernsthaft die Frage, warum hier Niemand mehr auf den anderen Rücksicht nimmt. Wer eine „Hau-drauf“-Gesellschaft kreiert, der wird über kurz oder lang eben eine solche bekommen. Und das schlimmste ist, die Menschen machen immer so weiter wie bisher. Als ob sich irgendwann einmal eine Verbesserung einstellen könnte. Das wusste auch schon ein Albert Einstein:

Die Definition von Wahnsinn ist, immer wieder das Gleiche zu tun und andere Ergebnisse zu erwarten.

Die heutige Gesellschaft ist genau genommen so was von kaputt gemacht worden, dass es viele Generationen dauern wird, bis sich eine merkliche Veränderung zum Besseren einstellt. Etwas Besseres verstehen die meisten Menschen heute allerdings nur im Sinne von materieller, finanzieller oder positioneller Verbesserung. Sie sieht nicht mehr das Einfache, kein Nebenan, keine Gemeinschaft. Heute denkt Jeder, er könne alleine alles bewegen, und gemeinsam nichts.

So ist er, Der Schizophrän… er ist schizophren.


Autor: Christian Jakob, schreibt auch auf Kritisches-Netzwerk.de, siehe

[Der Text wurde von Martin Bartonitz redigiert]

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